Forschungsthemen
Das Staatsarchiv Obwalden verfügt über zahlreiche interessante Quellenbestände, die sich hervorragend für wissenschaftliche Arbeiten eignen. Die folgende Liste enthält eine kleine Auswahl neu erschlossener oder bislang unerforschter Bestände und bietet Anregungen für historische Fragestellungen. Die Liste wird regelmässig aktualisiert und ergänzt. Gerne erteilen wir Ihnen auf Anfrage weitere Auskunft zu den genannten Themen und Quellenbeständen.
Anregungen für Forschung zu Quellen des Staatsarchivs
Stand: März 2025
"Unerlaubter Umgang": Uneheliche Beziehungen und Schwangerschaft im 19. Jahrhundert
Geeignet für: Seminararbeit, Masterarbeit, Dissertation
Voraussetzung: Kurrentschrift
"Unerlaubter Umgang" – also ein unehelicher sexueller Kontakt, der sich in vielen Fälle in einer Schwangerschaft manifestierte – zählte im Obwalden des 19. Jahrhunderts zu den häufigsten Strafdelikten. Besonders Frauen gerieten nach einer ersten Verurteilung oftmals immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt, weil sie etwa aufgrund von sozialer Ausgrenzung und finanzieller Not unerlaubt die Gemeinde verliessen, Diebstähle verübten oder erneut schwanger wurden. In den Strafuntersuchungsakten lassen sich ihre Biografien in Verhörprotokollen, ärztlichen Gutachten und persönlichen Dokumenten wie Liebesbriefen oder gefälschten Ausweisschriften oft über Jahre hinweg verfolgen. Welche Handlungen wurden als "unerlaubten Umgang" eingestuft? Wie verteidigten sich die Betroffenen in den Verhören? Über welche Handlungsspielräume verfügten bereits verurteilte Frauen? Welche Rolle spielten (versuchte oder erfolgreiche) Abtreibungen? Welche Konsequenzen trugen die beteiligten Männer und die unehelich gezeugten Kinder? Und wie veränderte sich die Bestrafung unerlaubten Umgangs über die Zeit? Mithilfe der neu erschlossenen Strafuntersuchungsakten lassen sich diese Fragen nun erstmals historisch untersuchen.
Siehe Archivfenster:
- Obwalden - Der Regierungsrat im Verhörsaal: Die Strafuntersuchungsakten des 19. Jahrhunderts (ow.ch)
- Obwalden - Von Liebe und anderen "Verbrechen": Drei Geschichten aus den Obwaldner Strafuntersuchungsakten (ow.ch)
Zentrale Quellen:
- SUA.01 Strafuntersuchungsakten 1803-1847, 1803-1847 (Zugang) (ow.ch)
- SUA.02 Strafuntersuchungsakten 1848-1867, 1848-1867 (Zugang) (ow.ch)
Der Fall Meinrad Imfeld - ein Justizskandal in der Restaurationszeit
Geeignet für: Seminararbeit, Masterarbeit
Voraussetzungen: Kurrentschrift
1815 wurde der Sarner Meinrad Imfeld, der sich gerade in einem zivilrechtlichen Streit mit einem Geschäftspartner befand, verhaftet und vom Obwaldner Rat ohne Angabe eines Grundes zu Hausarrest verurteilt. Dies war der Auftakt eines Konfliktes zwischen Imfeld und dem Obwaldner Rat, der sich über 30 Jahre hinweg in einer Reihe fragwürdiger Strafprozesse gegen Imfeld und zahlreichen gedruckten Streitschriften gegen die Obwaldner Regierung manifestierte, schliesslich in der Verbannung Imfelds aus der Eidgenossenschaft mündete und weit über Obwalden hinaus hohe Wellen schlug. Der Fall Imfeld wirft ein Schlaglicht auf die Konflikte zwischen Liberalen und Konservativen während der Restaurationszeit, auf die fehlende Gewaltentrennung in Obwalden und ihre Konsequenzen für die Strafjustiz, aber auch auf zeitgenössische Debatten über das Verhältnis zwischen Bund und Ständen. In verdichteter Form lassen sich am Beispiel Imfelds also zahlreiche politische Kontroversen und Entwicklungen untersuchen, die Obwalden und die Eidgenossenschaft während der Restaurationszeit prägten.
Literatur:
- Otto Emmenegger: Meinrad Jmfeld. Sarnen 1934.
Zentrale Quellen:
- C.03.2.1925 Meinrad Imfeld, 1813-1820 (Dossier)
- SUA.01.03.01 Imfeld Meinrad, 1815-1837 (ca.) (Dossier)
- P.0045.06.078 Briefe und Notizen betreffend Falliment und Prozess des Meinrad Imfeld, 1813-1827 (Dokument)
- P.0078.02.05 Meinrad Imfeld, 1800 (ca.)-1900 (ca.) (Dossier)
- P.0078.12.01 Otto Emmenegger: Historiografische Notizen, Korrespondenz und Originalquellen, u.a. betr. Meinrad Imfeld, 1820 (ca.)-1949 (ca.) (Dossier)
- Meinrad Imfeld: Meinrad Imfeld und die Regierung Obwalden. Spiegel und Bild. Zürich, 1831.
Ein Pfarrer und sein Geliebter: Homosexualität in Kirche und Kriegsdienst am Beispiel des Falls Imfeld / Rohrer (1864)
Geeignet für: Seminararbeit, Masterarbeit
Voraussetzungen: Kurrentschrift
1864 beschäftigte sich der Obwaldner Regierungsrat mit einem aussergewöhnlichen Fall: Der Pfarrer Alois Imfeld, der als Feldprediger das Obwaldner Söldnerregiment in Neapel betreut hatte, wurde beschuldigt, jahrelang eine sexuelle Beziehung zu seinem Diener in Neapel, dem Sachsler Soldaten Anton Rohrer, unterhalten zu haben. Ein umfangreiches Dossier mit Zeugenbefragungen und ärztlichen Gutachten sowie zahlreiche Einträge in den Regierungsratsprotokollen erlauben es, die Geschichte der beiden Männer und den Umgang mit Homosexualität in der Obwaldner Kirche und im Obwaldner Söldnerregiment nachzuzeichnen.
Siehe Archivfenster:
Zentrale Quellen:
Die Obwaldner Passkontrolle als Quelle der Migrationsgeschichte (ca. 1820-1930)
Geeignet für: Seminararbeit, Masterarbeit
Voraussetzungen: Kurrentschrift
Im 19. Jahrhundert verliessen zahlreiche Obwaldnerinnen und Obwaldner den Kanton, um in anderen Teilen der Schweiz, im europäischen Ausland oder gar in Übersee Arbeit zu suchen. Welche Gemeinden waren besonders von der Abwanderung betroffen? Welche Reiseziele und Arbeitsfelder wurden von den Ausreisenden angestrebt? Und wie verteilte sich die Auswanderung auf die Geschlechter? Diese und viele weitere Fragen lassen sich anhand der Obwaldner Pass- und Wanderbuchkontrolle untersuchen, in deren Rahmen die entsprechenden Angaben über Jahrzehnte systematisch erfasst wurden.
Zentrale Quellen:
Zwischen Kerns und Kalifornien: Selbstzeugnisse von Obwaldner Auswanderinnen und Auswandern (ca. 1900-1930)
Geeignet für: Maturaarbeit, Seminararbeit
Voraussetzungen: Die Quellen sind z.T. transkribiert, Sütterlin von Vorteil.
Um 1900 waren die grossen Auswanderungswellen etwas abgeflacht, aber weiterhin emigrierten jedes Jahr Obwaldnerinnen und Obwaldner nach Nord- und Südamerika – und hinterliessen nun vermehrt Briefe oder Tagebücher, die Einblick in ihre Migrationserfahrungen bieten. Solche Selbstzeugnisse zeigen unter anderem, mit welchen Erwartungen die Auswandernden nach Übersee aufbrachen, welche Widerstände und Chancen ihnen in ihrer neuen Heimat begegneten und wie sie die Beziehung zu ihrer Verwandtschaft in der Schweiz pflegten.
Zentrale Quellen:
- P.0027.18 Briefe von Auswanderern (Auswandererbriefe) in die Vereinigten Staaten von Amerika: Briefe von Theodor von Ah an seine Familie in Giswil 1899-1929; Gülten, Kaufbriefe, Schuldscheine und Quittungen der Familie von Ah in Giswil 1868-1929, 1868-1929 (Dossier)
- P.0027.25 Erlebnisbericht und Tagebuch zur Auswanderung von Paulina Oswald - von Rotz von Kerns nach Argentinien, inklusive Transkription durch Heinrich Oswald, 1904-1930 (ca.) (Dossier)
- P.0184 Familienarchiv Rohrer (Sachseln, USA), 1861-2024 (Zugang)
Woher kommt die Armut? Der kantonale Armenbericht (1877-1891)
Geeignet für: Maturaarbeit, Seminararbeit
Voraussetzungen: gedruckte Frakturschrift
Was verursacht Armut und wie kann sie behoben werden? Diese Frage steht im Zentrum der Armenberichte, die der Obwaldner Armenverwalter zwischen 1877 und 1891 in unregelmässigen Abständen im Obwaldner Amtsblatt publizierte. In den Berichten geben die Gemeinden nicht nur Auskunft über die Kosten, die durch die Unterstützung Armer entstanden, sondern äussern sich auch über deren Ursachen, zu denen sie etwa uneheliche Beziehungen und Alkoholkonsum zählten. Der Armenbericht gibt daher in konzentrierter Form Einblick in zeitgenössische Vorstellungen von Armut.
Zentrale Quellen:
Vom Träger zum Bergführer: Lungerer "Herrenlotzer" und die Entwicklung des Alpentourismus im 19. Jahrhundert
Geeignet für: Seminararbeit, Masterarbeit
Voraussetzungen: Kurrentschrift
Mit dem aufkommenden Alpentourismus entstand in Lungern in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein neuer Berufszweig: Die sogenannten "Herrenlotzer" trugen nun jeweils im Sommer Gepäck und Reisende über den Brünig und fungierten gleichzeitig als Reiseführer. Reisende aus ganz Europa und auch aus Übersee nahmen ihre Dienste in Anspruch und hinterliessen ihre Spuren in den "Empfehlungsbüchlein" der Herrenlotzer. Drei solche Empfehlungsbüchlein sind im Staatsarchiv überliefert. Sie geben Auskunft über die Kundschaft der Herrenlotzer und deren Reiserouten – und bieten gemeinsam mit den obrigkeitlichen Trägerverordnungen Einblick in die Entwicklung eines ausgestorbenen Berufs.
Literatur:
- Mario Seger: Johann Britschgi – "Herrenlotzer" aus Lungern. In: Obwaldner Brattig 2016, Nr. 41, S. 58–64. Download unter: Seger_Britschgi_2015.pdf (ow.ch)
Zentrale Quellen:
- P.0027.05 Empfehlungsbuch: Arbeitsbestätigungen von Kunden für den Träger und Fremdenführer Johann Britschgi aus Lungern, 1842-1881 (Dossier) (ow.ch)
- P.0027.17 Empfehlungsbuch: Arbeitsbestätigungen von Kunden für den Träger und Fremdenführer Joseph Maria Britschgi aus Lungern, Leumundszeugnisse, 1853-1886 (Dossier) (ow.ch)
- P.0174.012 Familie: Das Leben von Josef Maria Gasser; Originalbriefe, Visitenkarten Harry Westall, London; Comte Edgar du Val de Beaulier, Belgien und Arthur Cohen; Visconte Hyppolyte Jaubert, Paris; Briefe und Notizen von verschiedenen Kunden, Postführungsvertrag, Kutschwesen, 1820 (ca.)-1880 (Do (ow.ch)
Die Automobilkontrolle auf dem Brünig als Quelle der Verkehrsgeschichte (ca. 1912-1933)
Geeignet für: Seminararbeit, Masterarbeit
Voraussetzungen: Sütterlin
Mit der Verbreitung des Automobils in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts veränderte sich die Schweizer Verkehrslandschaft grundlegend. Verschiedene Kantone, darunter insbesondere Bergkantone, ergriffen in der Folge Massnahmen, um den Automobilverkehr zu beschränken. Im Kanton Obwalden wurde etwa eine Automobilkontrolle für die Brünigstrecke eingeführt: Alle Automobilisten, die über den Brünig fuhren, mussten unter dem entsprechenden Datum Name, Wohnort, Automarke und -nummer hinterlassen. Anhand der überlieferten Bände der Automobilkontrolle lässt sich daher der Automobilverkehr über den Brünig zwischen 1912 und 1933 systematisch untersuchen.
Zentrale Quellen:
- 02.P.0018 Autokontrolle Brünig, 1912.04.05-1921.04.14 (Dossier) (ow.ch)
- 02.P.0019 Autokontrolle Brünig, 1923.06.09-1924.07.20 (Dossier) (ow.ch)
- 02.P.0020 Autokontrolle Brünig, 1924.07.20-1924.07.28 (Dossier) (ow.ch)
- 02.P.0021 Autokontrolle Brünig, 1925.10.06-1926.09.02 (Dossier) (ow.ch)
- 02.P.0017 Autokontrolle Brünig, 1932.12.31-1933.11.28 (Dossier) (ow.ch)
Die Stockmann-Schwester und die Schule für Gemeindekrankenpflege (1903-ca. 1970)
Geeignet für: Seminararbeit, Masterarbeit
Bis ins 20. Jahrhundert hinein lag die Krankenpflege in der Schweiz grösstenteils in den Händen von Ordensschwestern. Um die Jahrhundertwende entstanden jedoch in verschiedenen Städten Pflegerinnenschulen für weltliches Personal. Auch ausserhalb der urbanen Zentren machte sich diese Entwicklung bemerkbar: Ab 1903 bot der Arzt Julian Stockmann mit Unterstützung seiner Frau Berta Durrer Kurse an, in denen den Teilnehmerinnen Grundlagen der häuslichen Kranken- und Säuglingspflege vermittelt wurden, um damit die Gesundheitsversorgung insbesondere der ärmeren Bevölkerung zu verbessern. Aus den Kursen entstand eine eigene Schule für Gemeindekrankenpflege, an der auch drei Töchter der Stockmanns – Dora, Marie-Theres und Edith Stockmann – zunächst als Lehrerinnen und später als Schulleiterinnen aktiv waren. Verschiedene Bestände im Staatsarchiv Obwalden bieten Einblick in die Entwicklung der Schule unter der Leitung der Stockmann-Schwestern und werfen damit ein doppeltes Schlaglicht auf die Ausbildung und Arbeit von Frauen im Gesundheitswesen.
Zentrale Quellen:
- P.0112 Schule für Gemeindekrankenpflege: Dossiers von Schülerinnen und Schülern, 1930 (ca.)-2011 (Zugang) (ow.ch)
- P.0113 Archiv der Interkantonalen Spitex Stiftung und der Schule für Gemeindekrankenpflege, 1896-2012 (Zugang) (ow.ch)
- P.0125 Archiv des Berufsverbands für Gemeindekrankenpflege Sarnen (Sarner-Schwestern Verein), 1903-2014 (Zugang) (ow.ch)
- P.0056 Familienarchiv Stockmann, 1554-2011 (Zugang) (ow.ch)
Kredite für Kleinbauern: Die Bauernhilfskasse Obwalden (1933-ca. 1963)
Geeignet für: Seminararbeit, Masterarbeit
Die 1933 ins Leben gerufene Bauernhilfskasse Obwalden war eine Stiftung mit dem Zweck, "notleidende Bauern" vorübergehend mit Krediten zu unterstützen. Finanziert wurde die Stiftung aus Mitteln des Bundes, des Kantons, der Kantonalbank und durch freiwillige Beiträge von landwirtschaftlichen Organisationen, Gemeinden und Korporationen. Die Falldossiers der Bauernhilfskasse beinhalten Anträge mit detaillierten Angaben zu den Besitz- und Vermögensverhältnissen der Gesuchsteller, Berichte der Armenverwaltung, Leumundszeugnisse, Korrespondenz und vieles mehr. Gemeinsam mit den Verwaltungsakten der Bauernhilfskasse bieten sie spannende Einblicke in die kleinbäuerliche Landwirtschaft in einem Moment der Krise.
Zentrale Quellen:
- E.0291.02 Bauernhilfskasse Obwalden (Hilfskasse für notleidende Bauern), 1932-1971 (Serie) (ow.ch)
- 02.LFW.0001 Bauernhilfskasse Protokolle, 1933.05.16-1950.10.27 (Dossier) (ow.ch)
- T.16.25 Hilfskasse für notleidende Bauern: Jahresbericht, 1934-1940 (Serie) (ow.ch)
Der Film als Politikum: Filmzensur im Obwaldner Kino "Seefeld" (1947-1970er Jahre)
Geeignet für: Maturarbeit, Seminararbeit, Masterarbeit
Als das Kino Seefeld 1947 als erstes Kino in Obwalden eröffnet wurde, geschah dies nicht ohne Widerstand: Schon vor der Eröffnung des Kinos hatten kritische Stimmen im Gemeinderat darauf gepocht, dass in Obwalden nur "einwandfreie Filme" gezeigt werden sollten, die "unserer Religion, der Wahrung guter Sitten und der Heiligkeit der Ehe Rechnung tragen". Befürchtet wurde insbesondere ein schädlicher Einfluss des Kinos auf die Obwaldner Jugend. Eine eigens geschaffene Filmzensurkommission sollte das Programm des Kino Seefeld deshalb jeweils vorab prüfen und gegebenenfalls zensurieren.
Mithilfe des umfangreichen Archivs des Kinobetreibers und liberalen Politikers Josef Seiler, in dem u.a. auch ein Dossier zur Filmzensur mit herausgeschnittenen Filmszenen überliefert ist, kann untersucht werden, wie die Zensur das Kinoprogramm des Obwaldner Landkinos beeinflusste. Welche Inhalte waren von der Filmzensur betroffen? Welche Gründe wurden für die Zensurschnitte angeführt? Welche Akteur:innen und Gruppen beteiligten sich an der Diskussion um das Kinoprogramm? Und über welche Handlungsspielräume verfügten Kinobetreiber und Konsument:innen?
Siehe Archivfenster:
Zentrale Quellen:
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